Vom Labor direkt ans Patientenbett: Universitätsmedizinisches Tumorzentrum verleiht Preise an drei Krebsforschungsprojekte

Gruppenbild der Preisträgerinnen und des Preisträgers
Laura Glücklich/ UKS Die Gewinnerinnen und der Gewinner, v.l.n.r. Hannah Stumpf, Paula Marie Schindler, Daniel Picard und PD Dr. Mariz Kasoha

Translationale Medizin soll Ergebnisse aus der Grundlagenforschung sehr schnell zu Patientinnen und Patienten bringen. Auch bei der Behandlung von Krebs ist dies ein wichtiges Ziel. Das Universitätsmedizinische Zentrum für Tumorerkrankungen (UTS) am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) hat nun drei Homburger Krebsforschungsprojekte ausgezeichnet, die diesen Ansatz verfolgen: Ein neues Therapiekonzept für die Behandlung von Schwarzem Hautkrebs, zentrale Erkenntnisse zum häufigsten kindlichen Hirntumor und Forschungsergebnisse zur Optimierung der Brustkrebstherapie.

Der UTS-Forschungspreis wurde in diesem Jahr erstmalig vergeben. „Als Universitätsmedizinisches Tumorzentrum möchten wir die Forschungsarbeit vor Ort unterstützen“, erläutert Prof. Dr. Erich-Franz Solomayer. Der Sprecher des UTS und Direktor der Klinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin am UKS betont: „Dabei sind gerade die Projekte besonders wichtig, die einen translationalen Ansatz haben – bei denen also die Ergebnisse aus dem Labor im besten Fall auch möglichst schnell in die konkrete Versorgung unserer krebskranken Patientinnen und Patientinnen einfließen können.“ Dass es zahlreiche translationale Krebsforschungsprojekte auf dem Homburger Campus gibt, zeigte sich bereits bei der Vielzahl an Bewerbungen, die das UTS erreichte. „Die Auswahl war nicht einfach, da letztendlich alle Ansätze wichtig sind und sehr viel Potenzial in den unterschiedlichen Forschungsprojekten liegt“, verrät Prof. Solomayer. „Gemeinsam mit dem in diesem Sommer neu gegründeten Patientenbeirat haben wir als UTS-Vorstand alle Bewerbungen gesichtet und schließlich die drei Gewinnerprojekte ausgewählt.“ Im Rahmen eines Symposiums am 14. August wurden die Preise offiziell verliehen. Und die gut besuchte Veranstaltung wurde ebenfalls dazu genutzt, Forschung und Versorgung auf dem Homburger Campus weiter zu vernetzen – mit zahlreichen Vorträgen und Raum zum Austausch.

Aus den Händen von Sevim Kaya-Karadağ (UTS-Patientenbeirat), Prof. Dr. Sigrun Smola (Leiterin der UTS-Arbeitsgruppe zur translationalen Forschung) und Prof. Dr. Solomayer erhielten die Preisträgerinnen und der Preisträger ihre Urkunden. Die Auszeichnungen sind jeweils mit 1.000 Euro Preisgeld dotiert und gleichwertig, also ohne weitere Platzierung:

  • Paula Marie Schindler und Hannah Stumpf, Doktorandinnen im Bereich der Physiologie am Center for Integrative Physiology and Molecular Medicine – CIPMM: Die beiden Forscherinnen untersuchen einen neuen Behandlungsansatz für den Schwarzen Hautkrebs. Sie entwickeln Mikronadeln aus einem Biomaterial, mit dem gezielt Wirkstoffe ohne größere körperliche Belastung in die betroffene Hautregion eingebracht werden sollen. Dabei steht Rosmarinöl im Fokus, das als natürlicher Bestandteil u.a. in der Rosmarinpflanze vorkommt und nachweislich einen Einfluss auf Tumorzellen hat. Das Projekt verbindet Materialwissenschaft und Tumorforschung. Die Entwicklung solcher Mikronadelsysteme könnte eine gezielte und individuell anpassbare Therapieform bei Hautkrebs ermöglichen.
     

  • Daniel Picard, Laborleiter in der Klinik für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie des UKS: In seiner ausgezeichneten Arbeit geht es um den häufigsten gutartigen Hirntumor bei Kindern, das Pilozytische Astrozytom. Zwar ist die Überlebenswahrscheinlichkeit sehr hoch, der Tumor kehrt allerdings sehr häufig wieder, was oft Folgeoperationen notwendig macht. In seiner Studie konnte der Forscher mit Hilfe einer komplexen Datenanalyse zwei biologische Tumorgruppen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Rückfallrisiken identifizieren. Besonders spannend ist die Entdeckung einer ringförmigen genetischen Struktur, circNTRK2. Sie könnte als Biomarker für diese Tumore dienen und eröffnet einen neuen Blick auf deren Entstehung.
     

  • PD Dr. Mariz Kasoha, Leiterin Gynäkoonkologisches Forschungslabor der Klinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin des UKS: Die Wissenschaftlerin hat in ihrem Projekt bestimmte Proteine bei Brustkrebs untersucht. Da die Erkrankung sehr unterschiedlich verläuft, sollte mit dem Blick auf die Proteinstrukturen eine noch genauere Prognose ermöglicht werden. Im Ergebnis konnte das Protein KLF-4 identifiziert werden, bei dem ein hohes Vorkommen auf eine schlechtere Überlebensrate hinweist. Ein weiteres Protein, E-Cadherin, war hingegen mit einem besseren Überleben verbunden. Multi-Proteinprofile könnten dabei helfen, Brustkrebs besser zu charakterisieren, das individuelle Risiko besser einzuschätzen und eine noch stärkere personalisierte Behandlung auf den Weg zu bringen.


Den UTS-Patientenbeirat und -Vorstand konnten die drei eingereichten Projekte auf gesamter Linie überzeugen. Man hatte gezielt nach Forschungsarbeiten gesucht, die wissenschaftlich originell sind und einen ausgeprägten Innovationsgrad haben. Sie sollten eine möglichst großen Patientennutzen haben und den translationalen Ansatz verfolgen. Und selbstverständlich wurde ebenso auf eine hohe methodische Qualität geachtet. „Die Gewinnerprojekte zeigen sehr deutlich, dass auf dem Homburger Campus erstklassige Krebsforschung betrieben wird. Das ermöglicht uns bereits heute eine exzellente Versorgungsqualität mit innovativen Ansätzen, die uns als Universitätsklinikum auszeichnet. Gleichzeitig werden mit solchen Projekten die Grundlagen für weitere Optimierungen und damit die Behandlungsstandards der Zukunft gelegt.“

Über das UTS
Das Universitätsmedizinische Zentrum für Tumorerkrankungen (UTS) ist der Zusammenschluss von 13 Organkrebszentren sowie einer Reihe von weiteren interdisziplinären Einrichtungen am Universitätsklinikum des Saarlandes. Das UTS ist seit 2021 durch die Deutsche Krebsgesellschaft zertifiziert und das größte Tumorzentrum im Saarland. Krebserkrankungen werden entsprechend den Leitlinien interdisziplinär und in hochspezialisierten Abteilungen behandelt. Darüber hinaus werden zahlreiche weitere Spezialambulanzen zur Therapie aller onkologischen Erkrankungen angeboten. Die Behandlungsqualität im UTS wird stetig weiterentwickelt. Ebenso ist die kontinuierliche Stärkung der Patientensicherheit eine zentrale Aufgabe des Universitätsmedizinischen Zentrums für Tumorerkrankungen.

Das UTS richtet sich zudem regelmäßig mit kostenlosen Informationsveranstaltungen an Erkrankte, Angehörige und alle Interessierten. Gesundheitsbewusste, die beispielsweise ihr Krebsrisiko senken oder sich über Vorsorgeuntersuchungen informieren möchten, finden interessante Vorträge zur Prävention im Programm. Die Besucherinnen und Besucher erwarten dabei zahlreiche Themen zu unterschiedlichen Krebserkrankungen mit Fokus auf Vorsorge, Früherkennung, moderne Therapien und Unterstützungsangebote insbesondere in Kooperation mit den regionalen Selbsthilfegruppen. Weitere Infos: www.uks.eu/uts

Kontakt
UTS – Universitätsmedizinisches Zentrum für Tumorerkrankungen des Saarlandes
Universitätsklinikum des Saarlandes
Gebäude 24
Kirrberger Straße 100
66421 Homburg
Tel. 0 68 41 / 16 - 2 74 33

Die Gewinnerinnen und der Gewinner über Ihre Projekte:

Hannah Stumpf und Paula Marie Schindler

"Das maligne Melanom, auch als schwarzer Hautkrebs bekannt, gehört zu den besonders aggressiven Hautkrebsarten und kann bereits früh Metastasen in anderen Organen bilden. Trotz großer Fortschritte in der Behandlung besteht weiterhin Bedarf an neuen Therapieansätzen, die gezielt am Tumor wirken, jedoch möglichst wenige Nebenwirkungen verursachen. Ziel unseres Forschungsprojekts ist die Entwicklung mechanisch stabiler Mikronadeln aus einem gelatinebasierten Biomaterial. Diese Mikronadeln sollen Wirkstoffe gezielt in die betroffene Hautregion einbringen und dort freisetzen. Um ihre Stabilität zu verbessern, haben wir das Material mit chemisch modifizierten Glykosaminoglykanen auf Basis von Hyaluronsäure funktionalisiert. Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Gewebes.

Unsere Untersuchungen zeigen, dass diese Funktionalisierung die mechanische Stabilität der Mikronadeln erhöht und ihnen das zuverlässige Eindringen in die äußere Hautschicht ermöglicht. So könnte eine lokale Behandlung direkt am Tumor ermöglicht und gleichzeitig die Belastung des übrigen Körpers reduziert werden. Als Wirkstoff untersuchen wir Rosmarinsäure, einen pflanzlichen Inhaltsstoff, der unter anderem in Rosmarin vorkommt und für den eine Wirkung auf Tumorzellen beschrieben ist. Rosmarinsäure verringerte die Zahl der Melanomzellen in Zell- und Tumormodellen. Sie lässt sich erfolgreich in die Mikronadeln einbringen, kontrolliert freisetzen und behält auch danach ihre Wirkung auf die Tumorzellen.

Das Projekt verbindet Materialwissenschaft und Krebsforschung, um neue Ansätze für die lokale Behandlung von Hautkrebs zu entwickeln. Langfristig könnten solche Mikronadelsysteme eine gezielte und individuell anpassbare Therapieform ermöglichen."

 

Daniel Picard

"Das pilozytische Astrozytom ist der häufigste Hirntumor im Kindesalter. Obwohl die Überlebenschancen insgesamt gut sind, können nicht vollständig entfernte Tumoren erneut auftreten und weitere Operationen notwendig machen.

Bei allen pilozytischen Astrozytomen ist der sogenannte MAPK-Signalweg ungewöhnlich stark aktiviert, der das Wachstum und Überleben von Zellen steuert. Frühere Versuche, diese Tumoren anhand biologischer Merkmale in unterschiedliche Gruppen einzuteilen, zeigten jedoch kaum klare Unterschiede. Mithilfe der „Similarity Network Fusion“, die verschiedene biologische Daten gleichzeitig auswertet, konnten wir bei 62 Tumorproben zwei Gruppen identifizieren. Diese unterschieden sich unter anderem im Alter der Patientinnen und Patienten, in der Lage des Tumors und in der Zeit bis zu einem erneuten Auftreten.

Anschließend untersuchten wir zirkuläre RNAs – besonders stabile RNA-Moleküle, die sich daher als mögliche Biomarker eignen. Dabei fiel insbesondere circNTRK2 auf. Das zugehörige Gen NTRK2 ist am MAPK-Signalweg beteiligt. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass circNTRK2 die normale NTRK2-RNA stabilisieren und dadurch die Bildung des NTRK2-Proteins verstärken könnte. Dies könnte einen bislang unbekannten Mechanismus darstellen, durch den der MAPK-Signalweg in einer der beiden Tumorgruppen zusätzlich aktiviert wird."

 

PD Dr. Mariz Kasoha

"Brustkrebs ist keine einheitliche Erkrankung. Selbst Patientinnen, deren Tumoren demselben etablierten Brustkrebs-Subtyp zugeordnet werden, können sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe und Therapieerfolge aufweisen. Daher werden zusätzliche Biomarker benötigt – biologische Merkmale, die dabei helfen können, das Verhalten eines Tumors und die Prognose einer Patientin besser einzuschätzen.

Ziel unseres Projekts war es deshalb, zu untersuchen, ob die gleichzeitige Betrachtung mehrerer Proteine im Brustkrebsgewebe zusätzliche Informationen über die Tumorbiologie und den Krankheitsverlauf liefern kann. Hierfür wurden Tumorproben von 153 Brustkrebspatientinnen untersucht. Analysiert wurden neun Proteine, die an wichtigen Vorgängen wie Zellwachstum, Zell-Zell-Verbindungen und der Ausbreitung von Tumorzellen beteiligt sind. Anschließend wurde geprüft, ob die Menge dieser Proteine mit klinischen Tumormerkmalen und dem langfristigen Krankheitsverlauf zusammenhängt.

Ein besonders wichtiges Ergebnis war die Identifizierung des Proteins KLF-4 als möglichen neuen Prognosemarker. Eine hohe Menge von KLF-4 im Zellkern war mit einem ungünstigeren Gesamtüberleben verbunden. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem bereits bekannte Einflussfaktoren wie Tumorgröße, Lymphknotenbefall und Brustkrebs-Subtyp berücksichtigt wurden. Im Gegensatz dazu war eine hohe Expression von E-Cadherin, einem Protein, das den Zusammenhalt von Zellen unterstützt, in der ersten Analyse mit einem besseren Überleben verbunden.

Das Projekt steht in engem Zusammenhang mit dem Translationalen Symposium in der Onkologie (UTS), da es eine Brücke zwischen Grundlagenforschung und klinischer Anwendung schlägt: Molekulare Untersuchungen von Tumorgewebe werden mit realen klinischen Daten und dem Krankheitsverlauf der Patientinnen verknüpft. Langfristig könnten solche Multiprotein-Profile dazu beitragen, Brustkrebs genauer zu charakterisieren, das individuelle Risiko besser einzuschätzen und damit die Grundlage für eine stärker personalisierte Behandlung und Nachsorge zu schaffen."

Gruppenbild
Laura Glücklich/ UKS V.l.n.r.: Daniel Picard, Hannah Stumpf, Paula Marie Schindler, Prof. Dr. Erich-Franz Solomayer, PD Dr. Mariz Kasoha, Sevim Kaya-Karadağ und Prof. Dr. Sigrun Smola